Forschung

In ziemlicher Distanz

Zur Tanzkultur des Dresdner Hofs im 17. Jahrhundert

Dresden ist Gegenstand vielfältiger historiographischer Untersuchungen. Das schließt im Falle des 17. Jahrhunderts kunst- und musikwissenschaftliche Perspektiven fast selbstverständlich ein. Die tanzwissenschaftliche Forschung hingegen konzentrierte sich bisher auf einige wenige historische Aspekte. Dazu gehören die Bedeutung Dresdens für die Moderne im Tanz, insbesondere die Rolle Mary Wigmans und Paluccas, sowie die Geschichte der Palucca Schule Dresden.

Die Fähigkeit zu tanzen war jedoch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ein entscheidender Faktor für eine erfolgreiche Teilhabe am Sozialleben in Europa. Das galt für alle Schichten der Gesellschaft. In der Repräsentationskultur der sächsischen Herrscher im 17. Jahrhundert nahm der Tanz eine bedeutende, wenn nicht gleichberechtigte Stellung neben den anderen Künsten ein.

Im europäischen Maßstab gesehen ist das 17. Jahrhundert im Bereich des Tanzes besonders ereignis- und folgenreich. Es ist eine Zeit des Übergangs, in der zu verschiedenen Anlässen in vielfältigen Formen, mit unterschiedlichen Absichten und im Falle des Adels vermutlich nicht nur aus reiner Freude Tanz praktiziert wurde. Dabei herrschte über Strukturprinzipien, deren Gültigkeitsanspruch sowie Benennung zunächst keinesfalls Einigkeit. Vielmehr wurde im Verlauf des 17. Jahrhunderts hart darum gerungen, wie zu tanzen sei. Im Zuge der Durchsetzung und Konsolidierung der absolutistischen Herrschaft Ludwig XIV. in Frankreich spielte die Aufführung symbolträchtiger Ballette eine bedeutende Rolle.  Während seiner Regierungszeit wurde die Akademisierung und Kodifizierung des höfischen geselligen und theatralen Tanzens gezielt vorangetrieben. Das führte ab den 1670er Jahren zur Favorisierung einer „edlen“, „schönen“, „galanten“ „rechtschaffenen“ und „nützlichen“, also regelhaften Tanzkultur, die auch für das Bürgertum attraktiv wurde. Die Professionalisierung des theatralen Tanzens war eine weitere Errungenschaft, deren Strahlkraft weit über Frankreichs Grenzen reichte.

In dieser Arbeit soll insbesondere die Bedeutung und Funktion des Tanzes am Dresdner Hof bzw. der Tanzkultur des Dresdner Hofs im 17. Jahrhundert anhand ausgewählter Beispiele erkundet werden. Das schließt die Beachtung der Geschlechterverhältnisse ein.

Dazu werden vor allem Primärquellen untersucht (Sächsisches Hauptstaatsarchiv, SLUB, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kunstfonds, Institut für Denkmalpflege, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel u. a.). Textquellen, in denen Tanz erwähnt wird, beziehen sich in der Regel auf größere festliche Zusammenhänge, z. B. adelige „Beylager“, kurfürstliche Hochzeiten, größere Festlichkeiten anlässlich politischer Ereignisse und / oder des Karnevals. Insbesondere die Akten des Oberhofmarschallamts, die im Vorfeld bedeutender Ereignisse angelegt und im Nachhinein vervollständigt wurden, lesen sich wie Theater- oder Filmszenarien. Hier wurden mit enormer Fantasie verblüffende theatrale Gesamt-Ereignisse erdacht und ihre Umsetzung in allen Details „ordentlich“ geregelt, also perfekt Regie geführt.

Daneben werden ausgewählte Ballette und Opern im Hinblick auf Tanz betrachtet.

Da diese Quellen kaum Rückschlüsse darauf ermöglichen, was, wie und vor welchem geistigen Hintergrund getanzt wurde, werden sie mit anderen Zeugnissen korreliert.

Festkultur einschließlich Musik und Tanz sind u. a. Gegenstand kultur- und theaterwissenschaftlicher Untersuchungen bzw. interdisziplinärer Forschungsvorhaben, in denen auf die Theatralität und den performativen Charakter solcher Ereignisse verwiesen wird. Mit einem Verständnis von Tanz als szenischer Vorgang bzw. Aufführung / performatives Ereignis kann Tanz als ein kulturelles Verfahren zur Herstellung kollektiv gemeinter Meinungen über Wirklichkeit, Wahrheit, Mensch und Natur betrachtet werden.

So geht es zum einen darum, ein bisher vernachlässigtes Wissen zur Kulturgeschichte des Dresdner Hofs im 17. Jahrhundert zu erschließen. Zum anderen versteht sich die Studie als Beitrag zur aktuellen Rekonstruktions-Debatte der Tanzwissenschaft in Deutschland. Im Gegensatz zu einer „Re-Konstruktion“ im Sinne eines vermeintlichen Wiedergewinnens vergangener Tänze ist beabsichtigt, Quellen für eine kreative zeitgenössische Aneignung historischen tänzerischen Materials zu erschließen.

02.05.2013